Stećci-Welterbe-Tour: Vier Länder, eine Steinkultur
Mittelalterliche Grabmonumente zwischen Bosnien, Serbien, Montenegro und Kroatien
Autor: Mirjana Kovačević
Was sind Stećci – und warum faszinieren sie mich seit meiner Kindheit?
Ich war vielleicht acht Jahre alt, als mein Vater das Auto am Straßenrand bei Stolac anhielt und mich zu einer Wiese führte, auf der Dutzende moosbewachsene Steinblöcke im Gras lagen. „Das sind Stećci", sagte er. „Niemand weiß genau, wer sie gebaut hat." Dieser Satz hat mich nie losgelassen.
Stećci (Singular: stećak) sind mittelalterliche Grabmonumente, die zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert im westlichen Balkan errichtet wurden. Sie treten in verschiedenen Formen auf: als flache Platten (ploče), als kastenförmige Sarkophage (sanduk), als Obelisken (stup) oder als Kreuzformen. Viele sind mit Reliefs verziert – Jagdszenen, Spiralen, Schwerter, Weinranken, Tänzer, Hände, Halbmonde und Kreuze. Manche tragen Inschriften in der mittelalterlichen bosnischen Schrift Bosančica.
Was diese Steine so rätselhaft macht: Sie lassen sich keiner einzigen Konfession eindeutig zuordnen. Sowohl christliche als auch bogomilische Symbole finden sich auf ihnen. Die Forschung ist bis heute uneinig. Genau das macht sie so faszinierend – und so relevant für ein Reisemagazin, das Bosnien als kulturelle Brücke zwischen Ost und West versteht.
Seit 2016 sind 28 Nekropolen mit insgesamt über 4.000 Stećci als UNESCO-Welterbe „Mittelalterliche Grabmäler – Stećci" eingetragen. Das Welterbe verteilt sich auf vier Länder: Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro und Kroatien. Eine Reiseroute, die alle vier verbindet, ist keine touristische Konstruktion – sie folgt einer historischen Logik.
Die wichtigsten Stećci-Stätten in Bosnien-Herzegowina
Bosnien-Herzegowina beherbergt die größte Konzentration an Stećci – schätzungsweise 60.000 bis 70.000 der insgesamt rund 70.000 bekannten Exemplare liegen hier. Wer die Tour startet, beginnt am besten in der Herzegowina.
Nekropola Radimlja bei Stolac
Die Nekropola Radimlja, etwa drei Kilometer westlich von Stolac an der Straße nach Čapljina, ist die beeindruckendste Stećci-Stätte, die ich kenne. 133 Grabsteine stehen und liegen hier auf einer Wiese, die im Frühling von wilden Blumen übersät ist. Viele tragen detaillierte Reliefs: erhobene Hände, Jagdszenen mit Pferden und Hirschen, Spiralmuster. Die Steine stammen aus dem 15. Jahrhundert und gehören zum Erbe der Familie Miloradović-Hrabren.
Was mich jedes Mal wieder überrascht: Es gibt keine Absperrung, keinen Ticketschalter, keine Audioguide-Station. Du stehst einfach dort, zwischen den Steinen, und der Wind kommt vom Bregava-Tal herüber. Das ist Bosnien in seiner unverfälschten Form.
Bitte denke daran: Stećci sind UNESCO-Welterbe. Nicht draufsetzen, nicht draufsteigen, nicht anfassen, was nicht angetastet werden muss. Das ist keine Bitte der Tourismusbehörde, das ist einfach Respekt vor den Toten und ihrer Kultur.
Nekropole Dugo Polje im Naturpark Blidinje
Wer von der Herzegowina nach Zentralbosnien fährt, passiert den Naturpark Blidinje auf etwa 1.200 Metern Höhe. Hier, auf der Hochebene Dugo Polje, liegen rund 150 Stećci inmitten einer Karstlandschaft, die im Frühling noch Schneereste trägt. Die Kombination aus Bergpanorama, endemischer Munika-Kiefer und mittelalterlichen Grabsteinen ist einzigartig.
Der Naturpark Blidinje ist mit dem Auto erreichbar, aber ich empfehle, mindestens eine Nacht einzuplanen – das Restaurant Hajducke Vrleti am Blidinje-See serviert ein erstaunlich gutes Huhn mit Gorgonzola, und abends, wenn die Tagesausflügler weg sind, hat die Hochebene eine Stille, die fast körperlich spürbar ist.
Lukomir und die Stećci der Bjelašnica
Das Hochplateau-Dorf Lukomir auf 1.469 Metern ist Bosniens am höchsten gelegenes bewohntes Dorf – und auch hier finden sich Stećci, verstreut auf den Weiden rund um die Häuser. Die Dorfbewohner, die im Winter ins Tal ziehen, kehren im Sommer zurück. Die Steine gehören zu ihrem Alltag wie der Brunnen oder der Backofen.
Wer Lukomir besucht, sollte die Wanderung von Umoljani aus einplanen (ca. 3–4 Stunden, mittelschwer). Alternativ gibt es geführte Tagestouren ab Sarajevo für ca. 75 Euro pro Person – laut GetYourGuide mit 4,8 Sternen bei 250 Bewertungen bewertet.
Stećci in Kroatien: die Nekropole Cista Velika
Kroatien ist mit mehreren Stätten im dalmatinischen Hinterland vertreten. Die Nekropole bei Cista Velika in der Zagora-Region, östlich von Split, gehört zu den bedeutendsten kroatischen Stećci-Standorten. Die Steine liegen auf einem Hügel oberhalb des Dorfes, mit Blick auf die dalmatinischen Berge.
Was hier auffällt: Die Steine sind kleiner und weniger reich verziert als in Bosnien, aber ihre Lage ist dramatisch. Wer eine Mehrländer-Route plant und ohnehin über Split ein- oder ausreist, kann diese Stätte als Einstieg oder Abschluss der Tour nutzen. Die Fahrtzeit von Split beträgt etwa 45 Minuten.
Weitere kroatische Stećci-Stätten befinden sich in der Region Imotski und im Hinterland von Makarska – allesamt wenig bekannt, wenig beschildert, und deshalb umso lohnender für Reisende, die abseits der Küstenmassen suchen.
Montenegro und Serbien: die östlichen Stationen
Nekropole Žabljak Crnojevića (Montenegro)
Montenegro ist mit mehreren Stätten vertreten, darunter die Nekropole bei Žabljak Crnojevića am Skadar-See. Diese Stätte liegt in einer der schönsten Landschaften des westlichen Balkans – zwischen dem smaragdgrünen Skadar-See und den kargen Hügeln der Alten Zeta. Die Stećci hier sind besonders gut erhalten und wurden im Rahmen des UNESCO-Nominierungsverfahrens sorgfältig dokumentiert.
Montenegro bietet sich als Verlängerung einer Bosnien-Herzegowina-Tour an: Von Trebinje, der südlichsten Stadt BiH, sind es nur rund 50 Kilometer bis zur montenegrinischen Grenze. Trebinje selbst lohnt ohnehin eine Nacht – das Tvrdoš-Kloster mit seinem Weinkeller, die osmanische Altstadt, das mediterrane Flair.
Serbien: Stećci in der Ostbosnischen Grenzregion
Die serbischen Stećci-Stätten liegen überwiegend im Grenzgebiet zu Bosnien, in der Region um Foča und Višegrad. Sie sind weniger zugänglich als die bosnischen Nekropolen, aber für Reisende, die ohnehin die Drina-Route fahren, gut kombinierbar. Die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke in Višegrad – ebenfalls UNESCO-Welterbe – liegt auf derselben Route.
Die Route: Wie du alle vier Länder verbindest
Eine logische Stećci-Rundroute startet in Sarajevo, führt südlich durch die Herzegowina (Stolac, Blidinje, Mostar), dann weiter nach Kroatien (Split-Hinterland), zurück über die Küste nach Montenegro (Trebinje als Basis), und schließt über die Drina-Route durch Serbien zurück nach Bosnien ab. Das ist ein Trip von mindestens zehn Tagen – realistischer sind zwei Wochen.
| Etappe | Stätte | Land | Fahrtzeit zur nächsten Etappe |
|---|---|---|---|
| 1 | Nekropola Radimlja (Stolac) | BiH | 45 min → Mostar |
| 2 | Dugo Polje (Naturpark Blidinje) | BiH | 2 h → Sarajevo |
| 3 | Lukomir / Bjelašnica | BiH | 1,5 h ab Sarajevo |
| 4 | Cista Velika (Zagora) | Kroatien | 45 min → Split |
| 5 | Žabljak Crnojevića | Montenegro | 1 h → Trebinje |
| 6 | Stećci Drina-Region | Serbien | 2 h → Sarajevo |
Praktischer Hinweis: Für alle vier Länder benötigst du als EU-Bürger kein Visum – der Personalausweis genügt. Beachte, dass in Bosnien-Herzegowina die Währung Konvertibilna Marka (KM) ist, der Kurs ist fest an den Euro gekoppelt (1 € = 1,95583 KM). In Kroatien wird seit 2023 mit dem Euro gezahlt, in Montenegro ebenfalls. In Serbien gilt der Dinar.
Praktische Infos für die Stećci-Tour
- Beste Reisezeit: April bis Juni und September bis Oktober. Im Sommer ist es in der Herzegowina sehr heiß (35°C+), die Steine in der prallen Sonne zu besuchen ist kein Vergnügen. Im Frühjahr blühen die Wiesen, die Luft ist klar.
- Eintritt: Die meisten Stećci-Nekropolen sind frei zugänglich. Die Tekija in Blagaj (auf derselben Route) kostet ca. 5 KM Eintritt. Für Nationalparks (Blidinje, Sutjeska) werden separate Gebühren erhoben (ca. 5 € pro Person, Stand 2026 – vor Reise prüfen).
- Beschilderung: In Bosnien-Herzegowina sind die UNESCO-Stätten inzwischen gut beschildert – braune Hinweistafeln an den Hauptstraßen. In Kroatien und Serbien ist die Beschilderung spärlicher. GPS-Koordinaten im Voraus speichern.
- Übernachtung Stolac: Das Mehmedbasica Kuca ist ein traditionelles osmanisches Haus – authentischer geht es kaum. Alternativ: Mostar als Basis (35–75 € Mittelklasse-Hotel, Stand 2025/26).
- Übernachtung Blidinje: Restaurant und Pension Hajducke Vrleti am See. Keine Luxusherberge, aber sauber und mit Bergblick.
- Sicherheit: In Bosnien-Herzegowina gilt: Wege niemals verlassen. Das Land hat noch immer verseuchte Gebiete mit Landminen – vor allem in ländlichen Regionen abseits der Hauptstraßen. Die BHMAC-Karten (bhmac.org) geben Auskunft über bekannte Risikogebiete. Bei den UNESCO-Nekropolen selbst besteht kein Risiko – aber das Umfeld sollte man nicht auf eigene Faust erkunden.
Was die Stećci uns heute sagen
Ich habe in den vergangenen Jahren viele Gespräche über Stećci geführt – mit Archäologen in Sarajevo, mit einem Dorflehrer in Stolac, der die Steine auf der Radimlja-Nekropole wie alte Bekannte beschreibt, und mit meiner Tante, die in Zenica lebt und sagt: „Die Steine gehören uns allen. Das ist das Einzige, worüber sich hier niemand streitet."
Das ist vielleicht das Wichtigste, was man über Stećci verstehen muss: Sie sind eines der wenigen kulturellen Erbe des westlichen Balkans, das nicht ethnisch vereinnahmt wurde. Bosniaken, Kroaten und Serben teilen sie – buchstäblich, denn die Steine stehen auf dem Boden aller drei Volksgruppen. Das UNESCO-Welterbe über vier Länder hinweg ist kein politischer Kompromiss, sondern eine historische Wahrheit: Diese Kultur kannte die Grenzen nicht, die wir heute ziehen.
Wer die Stećci-Tour macht, reist nicht nur durch Landschaften. Er reist durch eine Zeit, in der diese Region noch nicht zerrissen war. Das ist kein romantischer Gedanke – das ist Archäologie.
Mein Fazit nach 26 Reisen und unzähligen Stunden auf Stećci-Wiesen
Ich bin in Sarajevo geboren und kenne Bosnien-Herzegowina so gut, dass ich manchmal vergesse, wie fremd es für andere wirkt. Aber die Stećci überraschen mich noch immer. Jede Nekropole ist anders. Radimlja ist opulent und fast überwältigend. Dugo Polje ist still und fast melancholisch. Lukomir ist lebendig – die Steine stehen zwischen Häusern, die noch bewohnt sind.
Was ich nach all den Jahren sagen kann: Diese Tour ist nichts für Reisende, die Komfort und Vollprogramm suchen. Sie ist etwas für Menschen, die bereit sind, auf einer Wiese zu stehen, den Wind zu hören und zu akzeptieren, dass nicht alles erklärt werden muss. Das westliche Bosnien und seine Nachbarländer haben viele solcher Momente zu bieten – die Stećci sind nur der Anfang.
Mirjana Kovačević reist seit 1995 durch Bosnien-Herzegowina und die gesamte Region. Sie schreibt für Brigitte Woman, Merian und die Süddeutsche Zeitung und lebt in München.