Sportstars aus Bosnien: Džeko, Teletović & Co.
Wie ein kleines Land Weltklasse-Athleten hervorbringt — und was das mit Reisen zu tun hat
Autor: Tomáš Richter
Warum Bosnien so viele Sportstars hervorbringt
Knapp 3,5 Millionen Einwohner, zerrissen von einem brutalen Krieg, wirtschaftlich noch immer im Aufbau — und trotzdem eine der dichtesten Konzentrationen an Weltklasse-Sportlern pro Kopf auf dem Balkan. Das ist kein Zufall. Als ich 2023 drei Monate als Remote Worker in Sarajevo verbrachte, fiel mir auf, wie präsent Sport im Alltag der Stadt ist. Auf jedem freien Flecken kicken Kinder Fußball, in den Parks wird Basketball gespielt, und in den Cafés der Baščaršija läuft fast immer irgendein Spiel auf dem Bildschirm.
Die Erklärung für Bosniens Sportdichte liegt teilweise in der Geschichte. Während des Krieges (1992–95) flohen viele Familien ins Ausland — nach Deutschland, Österreich, in die Schweiz, in die Niederlande. Ihre Kinder wuchsen in Ländern auf, die über bessere Sportinfrastrukturen verfügten, behielten aber die bosnische Staatsangehörigkeit. Viele entschieden sich, für Bosnien-Herzegowina anzutreten. Das Ergebnis: ein Nationalteam, das auf eine globale Diaspora zurückgreifen kann.
Dazu kommt eine tief verwurzelte Sportmentalität. Jugoslawien war eine Sportnation — Olympia, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften. Bosnien hat dieses Erbe übernommen und lebt es weiter.
Edin Džeko — der Stürmer aus Sarajevo
Wer über bosnischen Sport spricht, beginnt zwangsläufig mit Edin Džeko. Der 1986 in Sarajevo geborene Mittelstürmer ist schlicht der bekannteste Sportler, den das Land je hervorgebracht hat. Aufgewachsen im Sarajevo des Krieges — er war sechs Jahre alt, als die Belagerung begann — spielte er sich über FK Željezničar Sarajevo und den VfL Wolfsburg in die Weltspitze.
Mit dem VfL Wolfsburg gewann er 2009 die deutsche Bundesliga-Meisterschaft, wechselte dann zu Manchester City, später zu AS Roma und Inter Mailand. Über 500 Profi-Tore in Vereinskarriere und Nationalmannschaft sprechen für sich. Für Bosnien-Herzegowina ist er bis heute Rekordtorschütze — und das mit Abstand.
In Sarajevo ist Džeko allgegenwärtig. Sein Heimatverein FK Željezničar spielt im Stadion Grbavica, einem der ältesten Fußballstadien des Landes. Wenn du in Sarajevo bist und eine Atmosphäre erleben willst, die nichts mit Tourismus zu tun hat, dann kauf dir eine Karte für ein Heimspiel. Die Ultras der "Manijaci" — das sind die Fans von Željezničar — gehören zu den lautstärksten der Region. Tickets gibt es oft direkt an der Tageskasse, Preise ab ca. 5 KM (rund 2,50 Euro).
"Džeko ist nicht einfach ein Fußballer. Er ist ein Symbol dafür, dass man aus Sarajevo kommen und trotzdem die Welt sehen kann." — Haris, Barista im Café Andar, Saraci 22, Sarajevo, 2023
Mirza Teletović — Bosniens NBA-Botschafter
Basketball hat auf dem Balkan eine ebenso tiefe Tradition wie Fußball — vielleicht sogar eine tiefere, wenn man die Jugoslawien-Ära berücksichtigt. Mirza Teletović, 1985 in Čapljina (Herzegowina) geboren, war über ein Jahrzehnt lang der bekannteste bosnische Basketballer weltweit.
Teletović spielte in der NBA für die Brooklyn Nets, die Phoenix Suns und die Milwaukee Bucks. Sein Markenzeichen: ein unorthodoxer Dreipunktwurf, den er aus fast jeder Position verwandeln konnte. Für die bosnische Nationalmannschaft war er jahrelang der wichtigste Spieler — und führte das Team 2012 zur Qualifikation für die Europameisterschaft.
Čapljina, sein Geburtsort, liegt nur 25 Kilometer südlich von Mostar. Wer die Herzegowina-Route fährt — Mostar, Počitelj, Stolac, Trebinje — kommt automatisch durch diese Region. Es ist eine Gegend, die Basketballer produziert wie andere Länder Buchhalter: Auch Mirza Begić, Nihad Đedović und andere bekannte Spieler haben ihre Wurzeln in der Herzegowina.
Džemal Bijedić, Damir Džumhur und die Vielfalt des bosnischen Sports
Bosnien ist keine Ein-Sportarten-Nation. Die Bandbreite der Athleten ist bemerkenswert:
- Damir Džumhur — Tennisspieler aus Sarajevo, zeitweise in den Top 30 der ATP-Weltrangliste. Sein Aufstieg war eine kleine Sensation: Tennis gilt auf dem Balkan nicht als Arbeitersport, und Džumhur kam nicht aus privilegierten Verhältnissen.
- Mervana Jugić-Salkić — Die erfolgreichste bosnische Tennisspielerin überhaupt. Im Doppel erreichte sie die Top 10 der Weltrangliste und gewann mehrere WTA-Titel. Heute ist sie als Trainerin aktiv.
- Amel Mekić — Sprinter, mehrfacher Balkan-Champion über 100 Meter.
- Larisa Cerić — Judoka, Europameisterin, eine der erfolgreichsten bosnischen Athletinnen der letzten Jahre.
- Vedad Ibišević — Fußballer, der lange in der Bundesliga spielte (unter anderem für den VfB Stuttgart und Hertha BSC) und ebenfalls Sarajevo als Heimatstadt nennt.
Was all diese Sportler verbindet: Sie sind in einem Land aufgewachsen, das ihnen wenig geschenkt hat. Kein üppiges Fördersystem, keine hochmodernen Trainingsanlagen in der Fläche. Wer es schafft, hat sich durchgebissen.
Fußball-Pilgerstätten in Sarajevo — wo Fans hingehören
Sarajevo hat zwei große Fußballvereine, und ihre Rivalität ist legendär: FK Sarajevo und FK Željezničar. Das Stadtderby zwischen den beiden wird "Sarajevski derbi" genannt und ist eines der emotionalsten Fußballerlebnisse, die der Balkan zu bieten hat.
Stadion Asim Ferhatović Hase (FK Sarajevo)
Das Heimstadion des FK Sarajevo liegt im Stadtteil Koševo und fasst rund 35.000 Zuschauer. Es ist das größte Stadion des Landes und war Austragungsort der Olympischen Spiele 1984. Die Atmosphäre bei Heimspielen — vor allem beim Derby — ist elektrisierend. Adresse: Olimpijska bb, Sarajevo. Tickets ab ca. 5 KM an der Tageskasse, vor Derbys empfiehlt sich Vorverkauf.
Stadion Grbavica (FK Željezničar)
Das Grbavica-Stadion ist kleiner, aber die Stimmung ist dichter. Die Ultras der "Manijaci" stehen für eine Fankultur, die in ihrer Intensität an Südamerika erinnert. Das Stadion liegt im gleichnamigen Stadtteil Grbavica — einem Viertel, das im Krieg besonders gelitten hat und heute ein Symbol des Wiederaufbaus ist. Adresse: Velespajz bb, Sarajevo.
Mein persönlicher Tipp: Wenn du in Sarajevo bist und ein Spiel stattfindet, geh hin. Nicht wegen des Fußballs unbedingt — sondern wegen des Erlebnisses. Du sitzt neben Familien, alten Männern mit Thermoskannen voller Kaffee, Jugendlichen, die ihre Helden feiern. Das ist das echte Sarajevo, nicht die Touri-Version in der Baščaršija.
Sport und Kriegsnarrative — eine sensible Verbindung
Man kann bosnischen Sport nicht vollständig verstehen, ohne den Krieg zu erwähnen. Viele der heutigen Sportstars wurden während der Belagerung Sarajevos (1992–96) geboren oder verbrachten ihre frühe Kindheit darin. Edin Džeko war sechs, als die Belagerung begann. Vedad Ibišević floh als Kind mit seiner Familie nach Frankreich.
Das prägt. Es erklärt auch, warum bosnische Sportler oft eine besondere mentale Stärke ausstrahlen — eine Fähigkeit, unter Druck zu liefern, die man sich schwer erarbeiten kann, wenn man in stabilen Verhältnissen aufgewachsen ist.
Wer in Sarajevo die Galerija 11/07/95 besucht — das Srebrenica-Gedenkmuseum in der Ferhadija-Straße — und danach ein Fußballspiel schaut, versteht diesen Zusammenhang auf eine Weise, die kein Buch erklären kann. Beide Erfahrungen gehören zum Verständnis des modernen Bosnien.
Olympia 1984 — das sportliche Erbe Sarajevos
Sarajevo war 1984 Gastgeber der Olympischen Winterspiele. Das ist keine Fußnote — es ist ein zentraler Teil der städtischen Identität. Die Berge rund um Sarajevo, Jahorina und Bjelašnica, wurden als Olympia-Schauplätze ausgebaut. Die Bobbahn auf dem Trebević ist heute eine der bekanntesten Urban-Exploration-Destinationen des Balkans.
Ich habe die verlassene Bobbahn 2023 besucht — mit der Trebević-Seilbahn hoch, dann zu Fuß zur Bahn. Die Streetart, die Stille, der Blick auf Sarajevo von oben: Das ist einer der eindrücklichsten Orte der Stadt. Und er erzählt direkt von Sarajevos sportlichem Erbe — und davon, was danach kam.
Die Skigebiete Jahorina (ca. 40 km Pisten, Tageskarte rund 35–45 Euro, Stand 2026 — vor Reise prüfen) und Bjelašnica (ca. 10 km Pisten, Tageskarte rund 25–35 Euro) sind heute wieder aktive Skigebiete. Jahorina war Schauplatz der Damen-Skirennen 1984, Bjelašnica der Herren-Rennen. Wer im Winter nach Sarajevo kommt, sollte einen Tag auf der Piste einplanen.
Praktische Infos: Sport erleben in Bosnien
| Was | Wo | Preis (ca.) | Hinweis |
|---|---|---|---|
| FK Sarajevo Heimspiel | Stadion Koševo, Olimpijska bb | ab 5 KM (~2,50 €) | Tageskasse, Derby im Vorverkauf |
| FK Željezničar Heimspiel | Stadion Grbavica, Velespajz bb | ab 5 KM (~2,50 €) | Manijaci-Ultras, intensive Atmosphäre |
| Skifahren Jahorina | 30 min ab Sarajevo, 1.300–1.916 m | 35–45 € Tageskarte | Dez–März, Olympia-Pisten 1984 |
| Skifahren Bjelašnica | 30 min ab Sarajevo, bis 2.067 m | 25–35 € Tageskarte | Dez–März, Herren-Olympia 1984 |
| Olympia-Bobbahn Trebević | Per Seilbahn ab Sarajevo | Seilbahn ca. 5 € Hin/Rück | Verlassen, Urban Exploration, Streetart |
| Wildwasser-Rafting Una-NP | ab Bihać/Kulen Vakuf | ca. 30–50 € pro Tour | Mai–September, Klasse III–IV |
Mein Fazit nach fünf Bosnien-Reisen
Ich habe Bosnien zuerst 2009 bereist — damals noch ohne zu verstehen, wie tief Sport in die gesellschaftliche DNA dieses Landes eingewoben ist. Heute, nach fünf Reisen und drei Monaten als Remote Worker in Sarajevo, sehe ich es klarer: Bosnische Sportstars sind keine Zufallsprodukte. Sie entstehen aus einer Kombination aus Diaspora-Netzwerken, jugoslawischem Sporterbe, einer Mentalität, die Härte kennt, und einer Leidenschaft, die ich in dieser Intensität selten erlebt habe.
Wer Bosnien besucht und nur die Moscheen und Brücken anschaut, verpasst etwas. Ein Abend im Stadion Grbavica, ein Tag auf der Olympia-Piste in Jahorina, ein Gespräch über Džeko in einem Café in der Baščaršija — das sind die Momente, in denen ein Land wirklich sichtbar wird.
Und falls du dich fragst, wo der beste Ćevapi in Sarajevo ist: Haris vom Café Andar hat mich 2023 zu einem Kasap-Grill in Grbavica geschickt, direkt neben dem Stadion. Kein Tourilokal, keine englische Speisekarte, dafür das Beste, was ich je gegessen habe. So funktioniert Bosnien.