Sevdah und Sevdalinka — die Seele Bosniens
Von der osmanischen Melancholie zur Weltbühne: Damir Imamović und die Kraft des Sevdah
Autor: Mirjana Kovačević
Sevdah ist ein Wort, das aus dem Arabischen über das Türkische ins Bosnische gewandert ist. Im Arabischen bezeichnet sawdā die schwarze Galle — ein Begriff aus der antiken Humoralpathologie, der Melancholie, Tiefe, eine Art dunkle Sehnsucht beschreibt. Im osmanischen Kulturraum wurde daraus ein Gefühl: Sevdah ist Sehnsucht, Liebe, Schmerz und Lebensfreude gleichzeitig. Kein einzelnes deutsches Wort trifft es genau.
Die Sevdalinka ist die musikalische Form dieses Gefühls — ein Lied, das den Sevdah trägt. Melodisch komplex, harmonisch oft im Moll, mit langen Melismen (das Ziehen einer einzigen Silbe über mehrere Töne), und Texten, die von unerfüllter Liebe, Abschied, Heimweh und der Schönheit des Augenblicks handeln. Wer eine echte Sevdalinka zum ersten Mal hört, ist oft überrascht: Das ist keine Volksmusik im folkloristischen Sinne. Das ist etwas, das sitzt.
Meine Großmutter Fatima sang eine Sevdalinka, wenn sie Kaffee kochte — „Moj dilbere", ein Klassiker. Sie sang ihn nicht für uns. Sie sang ihn für sich. Das ist Sevdah: er braucht kein Publikum, er braucht nur Aufrichtigkeit.
Die Wurzeln: Osmanisches Erbe trifft bosnische Seele
Sevdalinka entstand in den Städten Bosniens während der osmanischen Herrschaft (1463–1878). Das ist wichtig: Sie ist eine städtische Musikform, keine Hirtenmusik aus den Bergen. Sarajevo, Mostar, Travnik, Tuzla — die Kaffeehäuser (kahvane) und die Innenhöfe (avlije) der Bürgerhäuser waren ihre Bühnen.
Musikalisch vermischt die Sevdalinka orientalische Tonleitern (oft mit übermäßigen Sekunden, was ihr den „fremden" Klang für westeuropäische Ohren gibt) mit Elementen der südslawischen Vokalmusik. Begleitet wurde sie traditionell von der Šargija (eine langhalsige Laute), der Saz oder später dem Akkordeon — letzteres hat sich im 20. Jahrhundert als Hauptinstrument etabliert und dem Sevdah seinen warmen, manchmal melancholisch-schwebenden Klang gegeben.
Die Texte der klassischen Sevdalinke sind anonym überliefert. Niemand weiß, wer „Emina" geschrieben hat — das Lied, das die gleichnamige Frau aus Mostar besingt und das Aleksa Šantić 1903 als Gedicht verfasste, bevor es zur Sevdalinka wurde. Manche Lieder sind Jahrhunderte alt. Sie wurden mündlich weitergegeben, von Müttern an Töchter, von alten Männern in Kaffeehäusern an junge.
Damir Imamović — der Mann, der Sevdah in die Welt trägt
Wenn heute jemand Sevdah außerhalb Bosniens kennt, dann oft durch Damir Imamović. Der Sarajevoer Musiker, 1978 geboren, kommt aus einer Sevdah-Dynastie: Sein Großvater Zaim Imamović war einer der bedeutendsten Sevdah-Sänger des 20. Jahrhunderts, sein Vater Nedžad Imamović ebenfalls ein anerkannter Interpret.
Damir hätte es sich einfach machen können — die Klassiker singen, wie sein Großvater sie gesungen hat. Stattdessen hat er etwas Mutigeres getan: Er hat Sevdah dekonstruiert und neu gebaut. Mit seiner Band verbindet er die alten Melodien und Texte mit Jazz-Harmonik, freier Improvisation, manchmal auch mit elektronischen Elementen. Das Ergebnis klingt nicht wie ein Museum — es klingt lebendig.
Ich habe Damir Imamović 2019 im Klub Cinemas in Sarajevo live erlebt. Kleiner Raum, vielleicht 80 Menschen, kein Bühnenspektakel. Er saß auf einem Stuhl, die Gitarre auf dem Schoß, und sang „Što te nema" — ein Lied über das Warten. Nach dem dritten Vers war es im Saal so still, dass ich das Schaben von Stühlen auf dem Steinboden hören konnte. Das ist die Kraft von Sevdah: Er erzeugt Stille in einer lauten Welt.
Imamović tourt regelmäßig durch Europa — Paris, Berlin, Wien, Amsterdam. Seine Alben, darunter „Damir Imamović Trio" (2011) und „Dvojka" (2018), sind auf internationalen Weltmusik-Plattformen verfügbar und wurden von der Kritik als Brücke zwischen Tradition und Moderne gelobt. Er ist kein Nostalgiker. Er ist ein Erneuerer.
Klassische Sevdalinke — die Lieder, die jeder Bosnier kennt
Wer sich Sevdah erschließen will, sollte mit den Klassikern beginnen. Diese Lieder sind das kollektive Gedächtnis Bosniens:
- „Emina" — das wohl bekannteste Sevdah-Lied überhaupt, über eine Frau aus Mostar
- „Moj dilbere" — ein Liebesklassiker, den fast jede bosnische Großmutter kennt
- „Što te nema" — Sehnsucht nach dem Abwesenden, zeitlos
- „Kad ja pođoh na Bembašu" — über den Fluss Miljacka in Sarajevo, nostalgisch
- „Snijeg pade na behar na voće" — Schnee fällt auf blühende Bäume, ein Bild für verlorene Liebe
- „Zaplakala stara majka" — die weinende Mutter, ein Abschiedslied
Diese Lieder hört man in Sarajevo in Kaffeehäusern, manchmal aus dem Radio eines Taxifahrers, manchmal gesungen von einer Gruppe älterer Männer, die abends zusammensitzen. Sevdah ist kein Konzertphänomen — er ist Alltagskultur.
Wo du Sevdah in Sarajevo live erleben kannst
Sevdah ist nicht tot. Er lebt — aber man muss wissen, wo man suchen muss. Hier meine persönlichen Empfehlungen, Stand 2025:
Kaffeehäuser und Bars in Baščaršija
Das authentischste Sevdah-Erlebnis ist kein Konzert — es ist ein Abend in einem der alten Kaffeehäuser der Altstadt. Im Caffe Bar Andar (Saraci 22, täglich 8–23 Uhr) läuft oft leise Sevdah im Hintergrund, und wenn du Glück hast, beginnt jemand am Nebentisch mitzusingen. Das ist kein Programm. Das passiert einfach.
Konzerte und Festivals
Im Sommer finden im Rahmen der Baščaršija Nights (Juli, ganzer Monat) regelmäßig Freiluftkonzerte in der Altstadt statt — darunter immer wieder Sevdah-Abende. Eintritt oft frei oder symbolisch. Unbedingt das Programm vorab checken (Visit Sarajevo, offizielle Webseite der Stadt).
Der Jazz Fest Sarajevo im November hat in den letzten Jahren wiederholt Damir Imamović und andere Sevdah-Künstler ins Programm aufgenommen — die Überschneidung von Jazz und Sevdah ist keine Überraschung, beide Formen leben von Improvisation und emotionaler Tiefe.
Das Muzej Sevdaha
Das Muzej Sevdaha (Museum des Sevdah) in Sarajevo ist ein kleines, feines Museum, das der Geschichte und Klangwelt der Sevdalinka gewidmet ist. Interaktive Stationen, historische Instrumente, Tonaufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Für alle, die den Sevdah nicht nur hören, sondern verstehen wollen, ist ein Besuch Pflicht. Adresse und aktuelle Öffnungszeiten bitte vor der Reise prüfen, da sich diese gelegentlich ändern.
„Sevdah ist nicht Trauer. Sevdah ist die Schönheit der Trauer." — Satz, den mir mein Onkel Haris in Sarajevo erklärt hat, als ich zwölf war. Ich habe damals nicht verstanden, was er meint. Heute tue ich es.
Sevdah und die Frage der Identität — was er für Bosnien bedeutet
Sevdah ist politisch, ob er will oder nicht. Im Jugoslawien der Tito-Ära wurde er als gesamtjugoslawisches Kulturerbe vereinnahmt. Nach dem Krieg 1992–95 wurde er zum Symbol bosnischer Identität — besonders der Bosniaken, obwohl Sevdalinke historisch von Menschen aller drei Volksgruppen gesungen wurden.
Damir Imamović spricht in Interviews offen darüber: Sevdah gehört nicht einer Ethnie. Er ist das Produkt einer Stadtkultur, die osmanisch, sephardisch-jüdisch, christlich und muslimisch gleichzeitig war. In seinen Liedern tauchen hebräische Phrasen auf, christliche Heilige, osmanische Begriffe — das ist kein Zufall, das ist Programm.
Das macht Sevdah für mich als Sarajeverin so wichtig. Er ist der Beweis, dass diese Stadt einmal ein Ort war, an dem verschiedene Welten nicht nebeneinander existierten, sondern miteinander. Und er ist die Hoffnung, dass das wieder möglich ist.
Sevdah für Reisende — praktische Tipps
| Was | Wo | Wann / Hinweis |
|---|---|---|
| Muzej Sevdaha | Sarajevo, Altstadt | Öffnungszeiten vor Reise prüfen; Eintritt ca. 5 KM (Stand 2025) |
| Baščaršija Nights Konzerte | Sarajevo, Baščaršija | Juli, ganzer Monat; Programm auf Visit Sarajevo |
| Jazz Fest Sarajevo | Sarajevo | November, 5 Tage; Sevdah-Acts im Programm |
| Caffe Bar Andar | Sarajevo, Saraci 22 | Täglich 8–23 Uhr; authentisches Ambiente |
| Damir Imamović live | Sarajevo + Europatournee | Termine auf seiner offiziellen Website prüfen |
Mein Tipp für die Playlist: Beginne mit Zaim Imamovićs Aufnahmen aus den 1950ern (auf YouTube verfügbar), höre dann Damir Imamovićs „Dvojka" — der Unterschied zeigt dir, wie lebendig diese Tradition ist. Wer tiefer einsteigen will: Das Label Snail Records aus Sarajevo hat mehrere wichtige Sevdah-Compilations veröffentlicht.
Mein Fazit nach 26 Reisen und einem Leben zwischen München und Sarajevo
Ich habe viele Menschen erlebt, die nach Bosnien reisen und nach Stari Most, nach Ćevapi und nach Kriegsgeschichte suchen. All das ist wichtig. Aber wer Bosnien wirklich verstehen will, muss Sevdah hören — nicht als Hintergrundgeräusch, sondern mit Absicht.
Sevdah erklärt, warum Bosnier so sind, wie sie sind: gastfreundlich bis zur Erschöpfung, melancholisch und gleichzeitig lebensfroh, fähig zur tiefen Trauer und zum lauten Lachen im selben Atemzug. Er erklärt, warum ein Kaffee in Sarajevo keine Viertelstunde dauert, sondern zwei Stunden — weil Zeit anders fließt, wenn man Sevdah im Blut hat.
Damir Imamović trägt diese Musik in die Welt, ohne sie zu verraten. Das ist keine Kleinigkeit. Für mich ist er der wichtigste lebende Botschafter eines Bosniens, das ich liebe und das ich manchmal vermisse, auch wenn ich gerade mittendrin bin.
Wenn du das nächste Mal in Sarajevo bist: Setz dich abends in ein Kaffeehaus in Baščaršija. Bestell einen bosnischen Kaffee. Und hör, was aus den Lautsprechern kommt. Vielleicht ist es Sevdah. Vielleicht verstehst du dann, wovon ich rede.
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