Neum bis Drina: Die Ost-West-Route durch BiH

Vom Adriahafen durch Herzegowina und Zentralbosnien bis ans Drina-Tal

Autor: Klaus Hoffmann

Von Bosniens einzigem Adriazugang in Neum bis ins Drina-Tal im Osten — diese Route ist kein Urlaubsklassiker, sondern ein Querschnitt durch das ganze Land. Rund 400 Kilometer, fünf Kulturlandschaften und ein Dutzend Haltepunkte, die zeigen, warum BiH mehr ist als Mostar und Sarajevo. Ich bin diese Strecke mehrfach gefahren, zuletzt im Frühjahr 2025 — und sie überrascht mich jedes Mal neu.

Warum diese Route? Bosnien von Küste bis Drina verstehen

Die meisten Reisenden kommen nach BiH mit einer von zwei Logiken: Mostar für einen Tag, Sarajevo für zwei — oder umgekehrt. Das ist nicht falsch, aber es ist wie Wien besuchen und nur den Stephansdom zu sehen. Die Ost-West-Route von Neum zur Drina zwingt dich, das Land in seiner ganzen Breite zu begreifen: mediterrane Herzegowina im Westen, osmanische Städte in der Mitte, dinarische Bergwelt im Osten.

Ich habe das erste Mal 2009 einen Teil dieser Strecke abgefahren, damals noch ohne Plan und mit einer Straßenkarte, die an den Rändern schon ausfranste. Heute kenne ich jeden Abschnitt in- und auswendig. Mein Rat: Plane mindestens sieben bis zehn Tage ein, wenn du diese Route wirklich erleben willst — nicht durchrasen.

Etappe 1: Neum — Bosniens Fenster zur Adria

Neum ist ein merkwürdiger Ort. 24 Kilometer Küste, eingeklemmt zwischen zwei kroatischen Hälften der Küstenstraße, und trotzdem der einzige Meereszugang Bosniens. Die Stadt selbst ist ein Pauschal-Reisort mit Hotelblöcken aus den 1970ern, der sich in den letzten Jahren etwas herausgeputzt hat. Ich übernachte hier nicht länger als eine Nacht — aber der Sonnenuntergang vom Hang über der Bucht ist jeden Schritt wert.

Neum ist vor allem Startpunkt, nicht Ziel. Tanke hier voll, wechsle Geld (Karte funktioniert in den Hotels, aber weiter im Inland wird Bargeld wichtiger), und starte früh morgens. Die Straße nach Mostar — die M17 entlang der Neretva — ist eine der schönsten Asphalttrassen des westlichen Balkans.

Praktischer Hinweis: Wer aus Kroatien kommt, passiert zweimal die bosnische Grenze, wenn er die Küstenstraße D8 fährt. Seit der Pelješac-Brücke (2022) kann man Neum umfahren — aber dann verpasst man den Einstieg in diese Route. Personalausweis genügt für D/A/CH-Bürger, kein Reisepass nötig.

Etappe 2: Počitelj und Stolac — zwei unterschätzte Perlen

Wer auf der M17 Richtung Mostar fährt und Počitelj ignoriert, macht einen Fehler. Das mittelalterliche Festungsdorf klebt an einem Felshang über der Neretva, erstmals 1445 erwähnt, später osmanisch überformt. Die Hadži-Alija-Moschee, der Sahat-Kula (Uhrturm) und die Gavrankapetanović-Festung bilden ein Ensemble, das ich in keinem anderen Ort BiHs in dieser Kompaktheit kenne.

Mein Tipp: Parke unten an der Magistralstraße M17 und laufe hoch — die Reisebusse kommen meistens gegen 10 Uhr. Wer vor 9 Uhr da ist, hat Počitelj fast für sich allein. Die Bäckerei Pekara Magistrala und das Bistro Stari Grad direkt an der M17 bieten bosnische Küche zu fairen Preisen — ich frühstücke hier immer.

Stolac liegt 45 Minuten östlich und ist noch weniger auf Touristen ausgerichtet. Das ist sein größter Vorteil. Die Nekropola Radimlja mit ihren 133 mittelalterlichen Stećci-Grabsteinen (seit 2016 UNESCO-Weltkulturerbe) liegt einfach an der Straße, ohne Kassenhäuschen, ohne Zaun. Die Sultan-Selim-Moschee von 1519 gilt als älteste erhaltene Moschee in der Herzegowina. Im Restaurant Old Mill (Stari Mlin) am Bregava-Fluss esse ich immer zu Mittag — täglich ab 8 Uhr geöffnet, Forellen und Lamm vom Grill.

Ort Highlight Zeitbedarf Eintritt (ca.)
Počitelj Festungsanlage, Moschee, Uhrturm 1,5–2 h kostenlos
Stolac Stećci Radimlja, Sultan-Selim-Moschee 2–3 h kostenlos
Blagaj Tekija, Buna-Quelle 2–3 h ca. 5 KM (~2,50 €)

Etappe 3: Mostar und Blagaj — das Herzstück der Herzegowina

Mostar braucht keine große Einleitung. Der Stari Most, die 1566 von Hayruddin erbaute osmanische Bogenbrücke über die Neretva (24 Meter hoch, 1993 zerstört, 2004 wiedereröffnet), ist eines der bekanntesten Bauwerke des Balkans. Was ihn trotzdem immer wieder beeindruckt: Er ist echt. Nicht Disneyland, nicht Kulisse — sondern ein Ort, an dem Geschichte physisch spürbar ist.

Die beste Sicht auf den Stari Most bekomme ich vom Minarett der Koski Mehmed Pascha Moschee (1617), rund 120 Stufen hinauf, Eintritt ca. 10 KM. Morgens um 8 Uhr ist die Brücke noch ohne Touristen — das ist das Mostar, das ich liebe.

Blagaj, 14 Kilometer südöstlich, ist ein Pflichtprogramm auf dieser Route. Das Derwischkloster Tekija (um 1520, Mevlevi-Sufi-Orden) steht direkt an der Buna-Quelle, einer der stärksten Karstquellen Europas mit rund 43 Kubikmetern pro Sekunde. Das Wasser ist auch im Juli nur 11°C kalt — ich halte immer kurz die Hand hinein, das weckt auf. Wichtig: Nicht mittags kommen. Die Tagesausflügler aus Mostar treffen gegen 11 Uhr ein. Morgens oder abends ist die Tekija ein anderer Ort.

Etappe 4: Trebinje — das mediterrane Bosnien am Ende der Welt

Trebinje ist ein kleiner Umweg nach Süden, aber einer, den ich auf keiner Reise weglasse. Die südlichste Stadt BiHs liegt nur 30 Kilometer von Dubrovnik entfernt, hat aber dessen Massentourismus nie bekommen. Warum? Weil sie in der Republika Srpska liegt und die meisten Kroatien-Touristen einfach nicht weiterschauen.

Das Tvrdoš-Kloster aus dem 4. Jahrhundert produziert einen der besten Rotweine der Region — der Blatina aus dem Klosterkeller ist kräftig, dunkel und für etwa 8 Euro pro Flasche zu kaufen. Die Hercegovačka Gračanica, eine orthodoxe Kirche auf einem Hügel über der Stadt, erinnert an die Graçanica in Kosovo und bietet eine 360-Grad-Aussicht über die Trebišnjica-Ebene.

Ich übernachte in Trebinje immer mindestens eine Nacht. Die Altstadt am Abend, ein Glas Žilavka (die autochthone weiße Rebsorte der Herzegowina, mineralisch mit Mandelaroma) im Freien — das ist Bosnien ohne Postkarten-Filter.

Etappe 5: Sarajevo — die Stadt, die alles gleichzeitig ist

Ich habe drei Monate als Remote Worker in Sarajevo gelebt (2023) und kenne die Stadt in einer Tiefe, die sich mit einem Zwei-Tage-Besuch nicht erschließt. Trotzdem: Auch wer nur 48 Stunden hat, kann mehr mitnehmen als die üblichen Highlights, wenn er weiß, wo er hinschaut.

Die Baščaršija mit dem Sebilj-Brunnen ist der osmanische Kern — aber das eigentlich Faszinierende ist der Übergang: An der Markierung "Sarajevo Meeting of Cultures" auf dem Boden der Ferhadija-Straße wechselt die Architektur innerhalb von 50 Metern von osmanischen Holzbauten zu k.u.k. Prachtfassaden. Ich zeige diesen Punkt jedem, der mich in Sarajevo besucht. Er erklärt die Stadt besser als jeder Reiseführer.

Meine drei Pflicht-Haltepunkte abseits der Standardliste:

  • Caffe Bar Andar (Saraci 22, täglich 8–23 Uhr): Bosnischen Kaffee in einem ehemaligen Schuhmacherladen trinken. Erst den Würfelzucker in den Mund, dann den Kaffee schlürfen — nicht reinwerfen.
  • Galerija 11/07/95: Die Srebrenica-Gedenkstätte im Zentrum Sarajevos. Kein Touristenort, sondern ein Ort der Stille. Ich war fünfmal dort und jedes Mal ist es schwer.
  • Trebević-Seilbahn + verlassene Olympia-Bobbahn: Die Bobbahn von 1984 ist heute eine der eindrucksvollsten Streetart-Galerien Europas. Nachmittags, wenn das Licht schräg durch die Bäume fällt, ist das Licht zwischen den Graffitis am schönsten.

Etappe 6: Travnik und Jajce — osmanische Wesiren und mittelalterliche Könige

Wer Sarajevo Richtung Norden verlässt und die Route nach Osten fortsetzt, passiert zwei Städte, die auf keiner Standardtour auftauchen — und das ist ihr größter Vorteil.

Travnik war Sitz der osmanischen Wesire für über 150 Jahre und ist Geburtsort von Ivo Andrić, dem einzigen Nobelpreisträger BiHs (Die Brücke über die Drina, 1961). Die Bunte Moschee (Šarena Džamija, 1815) mit ihren bemalten Außenfassaden ist architektonisch einzigartig in der Region. Die Blaue Quelle (Plava Voda) — eine türkisblaue Karstquelle mit Restaurants direkt am Wasser — ist ein Mittagsplatz, an dem ich regelmäßig länger sitze als geplant.

Jajce, 50 Kilometer weiter nordwestlich, hat einen der kuriosesten Wasserfälle Europas: Der Pliva-Wasserfall (20–22 Meter) liegt mitten in der Altstadt, an der Mündung des Pliva in den Vrbas. Die mittelalterliche Königsfestung darüber — letzter König Stjepan Tomašević wurde hier 1463 hingerichtet — gibt dem Ort eine historische Schwere, die nicht inszeniert wirkt.

Etappe 7: Sutjeska-Nationalpark — das Herz der dinarischen Wildnis

Der Sutjeska-Nationalpark ist der älteste Nationalpark BiHs (gegründet 1962) und beherbergt den Perućica-Urwald, einen der letzten echten Primärwälder Europas. Der Zugang ist streng reguliert — maximal 16 Personen pro Tag, nur mit Guide. Das ist kein Marketingtrick, sondern Naturschutz, der funktioniert.

Der höchste Berg Bosniens, der Maglić (2.386 Meter), liegt hier, direkt an der Grenze zu Montenegro. Die Besteigung dauert 8–10 Stunden und erfordert gute Kondition, aber keine Klettertechnik. Das Trnovačko Jezero auf 1.517 Metern — ein herzförmiger Bergsee genau auf der Grenze — ist eines der schönsten Fotomotive BiHs.

Wichtiger Sicherheitshinweis: In und um Sutjeska gibt es noch Minenfelder aus dem Krieg 1992–95. Wege niemals verlassen, auch wenn ein Trampelpfad verlockend aussieht. Die BHMAC-Minenrisikokarte ist online abrufbar und sollte vor der Reise konsultiert werden.

Etappe 8: Die Drina — Andrićs Fluss und das Ende der Route

Die Route endet am Fluss, der Bosnien literarisch definiert hat. Die Drina, grün und reißend, bildet die Grenze zu Serbien und ist durch Ivo Andrićs Roman unsterblich geworden. Višegrad mit der Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke (UNESCO-Welterbe, 1571) ist der logische Endpunkt — oder Anfangspunkt, je nach Fahrtrichtung.

Ich saß einmal im Frühjahr 2019 auf dieser Brücke, kurz nach Sonnenaufgang, als der Fluss noch Frühjahrshochwasser führte und das Wasser unter den Bögen donnerte. Ein Fischhändler aus dem Dorf hatte seinen Stand aufgebaut. Wir haben uns auf Bosnisch unterhalten — mein B2 reicht für solche Momente — und er hat mir erklärt, dass die Brücke für ihn kein Touristenziel ist, sondern einfach die Brücke, über die sein Vater und sein Großvater gegangen sind. Das ist der Moment, für den man diese Route fährt.

Praktische Informationen für die Ost-West-Route

  • Gesamtdistanz: ca. 400–450 km (Neum → Višegrad/Drina), je nach Umwegen
  • Empfohlene Reisedauer: 7–10 Tage (Minimalversion 5 Tage möglich, aber gehetzt)
  • Beste Reisezeit: Mai–Juni und September–Oktober (Frühling: Wasserfälle voll, Wildblumen; Herbst: Indian Summer, wenig Touristen)
  • Fahrzeug: Mietwagen empfohlen, kein SUV nötig — alle Hauptstrecken sind asphaltiert. Für Sutjeska-Umgebung: gute Bodenfreiheit von Vorteil
  • Währung: Konvertibilna Marka (KM/BAM), 1 € = 1,95583 KM (fest). Bargeld für ländliche Abschnitte mitnehmen
  • Mobilfunk: Kein EU-Roaming in BiH. Lokale SIM empfohlen: BH Telecom Tourist ca. 20 KM / 15 GB / 30 Tage
  • Promillegrenze: 0,3‰ — strikt einhalten
  • Winterreifen: Pflicht 1. November bis 1. April (Schneeketten mitführen)
  • Übernachtungskosten: Mittelklasse-Hotel 35–75 € pro Nacht, Camping ab 10–12 € pro Nacht
  • Notruf: 112 (EU-Notruf), Polizei 122, Rettung 124

Mein Fazit nach fünf Reisen durch BiH

Die Ost-West-Route von Neum zur Drina ist kein Themenpark-Erlebnis. Sie ist anstrengend, manchmal holprig (im wörtlichen und übertragenen Sinn), und sie verlangt Offenheit für ein Land, das seine Geschichte nicht hinter Fassaden versteckt. Einschusslöcher in Hauswänden in Mostar, Minenwarnschilder am Wegesrand im Sutjeska, der Geruch von Krieg in der Galerija 11/07/95 — das gehört dazu.

Aber es gehört auch dazu: Ein Kaffee in der Baščaršija, bei dem dir jemand erklärt, wie man ihn richtig trinkt. Der Anblick der Buna-Quelle im Morgenlicht. Die Stille auf dem Trnovačko Jezero. Und das Gefühl, am Ende dieser Route ein Land zu kennen, das die meisten Europäer nur vom Namen her kennen.

In 18 Jahren als Reisejournalist habe ich viele Routen gefahren. Diese gehört zu den zehn, die ich immer wieder machen würde.

— Klaus Hoffmann, Wien, Juni 2025

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