Bosnische Diaspora in Wien und München

Warum so viele BiH-Spuren in den deutschsprachigen Metropolen zu finden sind

Autor: Mirjana Kovačević

Zwei Städte, eine Geschichte — warum gerade Wien und München?

Wenn meine Mutter in München-Sendling bosnischen Kaffee kocht, riecht das ganze Treppenhaus nach Džezva und Kardamom. Die Nachbarin klopft und fragt, ob noch etwas übrig ist. Sie heißt Amira, kommt aus Zenica und wohnt seit 1994 hier. Das ist keine Ausnahme — das ist Alltag in bestimmten Münchner Vierteln.

Die bosnische Diaspora in Wien und München ist kein Zufallsprodukt. Sie hat tiefe historische Wurzeln, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, und wurde durch den Krieg von 1992 bis 1995 dramatisch verstärkt. Heute leben schätzungsweise 350.000 bis 400.000 Menschen mit bosnischen Wurzeln in Deutschland, davon ein erheblicher Teil in Bayern — und in Österreich sind es weitere 100.000 bis 130.000, konzentriert vor allem in Wien. Wer diese Zahlen kennt, versteht, warum es in Sendling oder Hernals genauso gut Burek zum Frühstück gibt wie in Sarajevo.

Die habsburgische Vorgeschichte: Wien als erste Anlaufstelle

Die Verbindung zwischen Bosnien und Wien ist älter als die meisten denken. Als Österreich-Ungarn 1878 das Mandat über Bosnien und Herzegowina übernahm und 1908 annektierte, begann ein reger Austausch von Menschen, Ideen und Gütern. Bosnische Studenten kamen nach Wien, um Medizin, Jura und Ingenieurwesen zu studieren. Kaufleute aus Sarajevo eröffneten Handelshäuser in der Leopoldstadt. Das habsburgische Wien war für Bosnier der Westen — die Metropole, in der man Karriere machte.

Diese Verbindung hat sich in die Stadtarchitektur eingeschrieben. Wer durch die Wiener Innenstadt läuft und die Ringstraßen-Bauten betrachtet, sieht denselben Historismus, den die Habsburger auch in Sarajevo hinterlassen haben — das Rathaus (Vijećnica), die Post, die Kasernen. Wien und Sarajevo teilen eine architektonische DNA, die bis heute sichtbar ist.

„Wenn ich in Wien die Ringstraße entlanggehe und dann an die Marindvor-Promenade in Sarajevo denke, ist das kein Nostalgie-Trick meines Gehirns. Das ist dasselbe Imperium, das beide Städte gebaut hat." — Mirjana Kovačević, 2023

Die Gastarbeiter-Welle der 1960er und 1970er: München als Ziel

Die zweite große Migrationswelle kam mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder. Ab den frühen 1960er Jahren warb die Bundesrepublik aktiv Arbeitskräfte aus Jugoslawien an — und Bosnier, Kroaten, Serben und Mazedonier kamen in Scharen. München war wegen seiner Industrie (BMW, MAN, Siemens) ein bevorzugtes Ziel.

Was viele nicht wissen: Unter den jugoslawischen Gastarbeitern stellten Bosnier einen überproportional großen Anteil. Der Grund liegt in der Wirtschaftsstruktur Jugoslawiens: Bosnien war zwar reich an Rohstoffen und Schwerindustrie, aber die Löhne blieben niedrig, und Aufstiegsmöglichkeiten für einfache Arbeiter waren begrenzt. München versprach das Doppelte oder Dreifache des bosnischen Lohns.

Diese erste Generation siedelte sich in bestimmten Vierteln an: Sendling, Milbertshofen, Giesing — keine glamourösen Adressen, aber funktionale Gemeinschaften. Man half sich gegenseitig bei der Wohnungssuche, schickte Geld nach Hause und träumte von der Rückkehr. Viele blieben.

Der Krieg 1992–1995 und die zweite Fluchtwelle

Was die Gastarbeiter-Migration langsam aufgebaut hatte, wurde durch den Bosnienkrieg schlagartig verändert. Zwischen 1992 und 1995 flohen Hunderttausende Bosnier — Muslime, Kroaten, Serben, alle gleichermaßen — vor Belagerung, ethnischen Säuberungen und dem Zusammenbruch des Alltags. Deutschland und Österreich nahmen die größten Kontingente auf.

Meine eigene Familie gehört dazu. Wir kamen 1999, nach dem Krieg, als Sarajevo noch die Wunden der fast vierjährigen Belagerung trug. Mein Vater hatte Kontakte in München — einen Cousin aus den 1970er Jahren. Das war der Faden, an dem wir uns festhielten.

Diese zweite Welle war anders als die erste. Die Gastarbeiter kamen mit dem Plan zurückzugehen. Die Kriegsflüchtlinge kamen, weil es keine Wahl gab — und viele von ihnen hatten nichts, zu dem sie zurückkehren konnten. Häuser zerstört, Familien zerrissen, Städte verändert. Der Anteil derer, die dauerhaft blieben, ist unter den Kriegsflüchtlingen deutlich höher als unter den früheren Gastarbeitern.

Wo Bosnien in München lebt — konkrete Orte

Wer in München nach bosnischen Spuren sucht, muss nicht lange suchen. Hier sind die Orte, die ich aus eigener Erfahrung kenne:

  • Islamisches Zentrum München (IZM), Wallnerstraße: Eine der ältesten islamischen Institutionen Deutschlands, mitgegründet von bosnischen Muslimen. Die Gemeinschaft hier ist nicht homogen — Türken, Araber, Bosnier beten nebeneinander — aber der bosnische Einfluss ist spürbar.
  • Bosnische Kulturvereine in Sendling und Milbertshofen: Diese Vereine organisieren Folklore-Abende, Sprachkurse für Kinder der zweiten Generation und Gedenkveranstaltungen zum 11. Juli (Srebrenica-Gedenktag). Wer eine Einladung bekommt, sollte sie annehmen.
  • Ćevapi-Restaurants in der Innenstadt: Die Qualität variiert stark. Mein ehrlicher Tipp: Meide die touristischen Balkan-Grill-Ketten rund um den Hauptbahnhof. Die authentischen Läden findet man in Milbertshofen und Giesing — oft ohne große Schilder, dafür mit handgeschriebenen Tageskarten auf Bosnisch.
  • Bosnische Bäckereien: Frischer Burek am Sonntagmorgen ist in bestimmten Münchner Vierteln genauso selbstverständlich wie Brezel beim Bäcker. Der Teig muss knusprig sein, die Füllung saftig — wenn beides stimmt, ist es echter Burek, kein Imitat.

Wien: Hernals, Favoriten und die bosnische Kaffeehauskultur

Wien hat eine andere Qualität der bosnischen Präsenz als München. Die österreichische Hauptstadt war — wegen der historischen Verbindung und der geographischen Nähe — für viele Bosnier die naheliegendere Wahl. Und das merkt man.

Im 10. Bezirk (Favoriten) und im 17. Bezirk (Hernals) gibt es Straßenzüge, in denen Bosnisch genauso häufig zu hören ist wie Wienerisch. Hier haben sich bosnische Moscheen, Kulturzentren und Restaurants angesiedelt, die nicht für Touristen gemacht sind, sondern für die Gemeinschaft selbst.

Was mich bei meinem letzten Wien-Besuch 2023 beeindruckt hat: Die bosnische Kaffeehauskultur hat sich mit der Wiener Kaffeehauskultur zu etwas Eigenem vermischt. In manchen Lokalen in Hernals bestellst du einen Kaffee und bekommst ihn — nach echter bosnischer Art — in der Džezva serviert, mit einem Stück Lokum daneben. Dazu hört man im Hintergrund Sevdah. Das ist keine Folklore-Performance. Das ist Alltag.

Die zweite und dritte Generation: zwischen zwei Identitäten

Die interessanteste Entwicklung passiert gerade bei den Kindern und Enkeln der ersten Diaspora-Generation. Ich erlebe das in meinem eigenen Umfeld: Junge Münchner mit bosnischen Eltern, die fließend Deutsch sprechen, Bayern-Trikots tragen — und trotzdem jedes Jahr im Sommer nach Sarajevo fahren. Nicht weil die Eltern es verlangen, sondern weil sie es wollen.

Diese Generation entdeckt Bosnien neu — nicht als das Land, das man verlassen musste, sondern als das Land, das man wählen kann. Der Schriftsteller Aleksandar Hemon, der selbst zur bosnischen Diaspora gehört (er lebt seit den 1990ern in Chicago), hat diese Doppelidentität in seinem Roman Nowhere Man beschrieben: das Leben zwischen zwei Sprachen, zwei Erinnerungen, zwei Versionen von sich selbst.

In Wien gibt es inzwischen bosnische Kulturinitiativen, die von der zweiten Generation gegründet wurden — Literaturlesungen auf Bosnisch und Deutsch, Filmvorführungen, Diskussionsabende über die Aufarbeitung des Krieges. Das ist keine Rückwärtsgewandtheit. Das ist eine selbstbewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Was Bosnien-Reisende daraus lernen können

Wer Bosnien besuchen will, kann die Diaspora als Ressource nutzen. Das klingt instrumentell, ist aber ernst gemeint: Niemand kennt ein Land besser als die Menschen, die es verlassen haben und trotzdem nicht loslassen können.

Konkrete Empfehlungen:

  1. Besuche bosnische Kulturveranstaltungen in deiner Stadt — Gedenkveranstaltungen zum 11. Juli, Filmvorführungen (Jasmila Žbanićs Quo vadis, Aida? ist ein Pflichtstart), Konzerte mit Sevdah-Musik. Du wirst Menschen treffen, die dir mehr über Bosnien erzählen können als jeder Reiseführer.
  2. Lies bosnische Literatur vor der Reise — Ivo Andrićs Die Brücke über die Drina (Nobelpreis 1961) ist ein Klassiker, aber auch Hemon lohnt sich. Beide schreiben über das Bosnien zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne.
  3. Frag in bosnischen Restaurants nach Empfehlungen — Wer in München einen guten Burek-Laden kennt, kennt meistens auch die besten Adressen in Sarajevo. Die Netzwerke sind eng.
  4. Verstehe die Diaspora als Teil Bosniens — Die bosnische Identität endet nicht an der Staatsgrenze. Wenn du in Sarajevo mit Menschen sprichst, wirst du merken, wie präsent die Diaspora im Bewusstsein der Daheimgebliebenen ist. Jede Familie hat jemanden in Deutschland oder Österreich.

Praktische Informationen: BiH-Diaspora-Orte in Wien und München

Stadt Ort / Initiative Art Tipp
München Islamisches Zentrum München (IZM), Wallnerstraße 1 Religionsgemeinschaft / Kulturzentrum Offene Veranstaltungen im Ramadan
München Bosnische Kulturvereine Sendling / Milbertshofen Kulturverein Folklore-Abende im Herbst
München Burek-Bäckereien in Milbertshofen Kulinarik Sonntagmorgen vor 10 Uhr — frischeste Ware
Wien 10. Bezirk (Favoriten) / 17. Bezirk (Hernals) Wohnviertel / Community Bosnische Cafés und Lebensmittelläden
Wien Bosnisch-Herzegowinisches Kulturzentrum Wien Kulturzentrum Veranstaltungskalender online prüfen
Wien Srebrenica-Gedenkveranstaltungen (11. Juli) Gedenkkultur Öffentlich zugänglich, sehr würdevoll organisiert

FAQ

Wie viele Bosnier leben in Deutschland?

Schätzungen zufolge leben zwischen 350.000 und 400.000 Menschen mit bosnischen Wurzeln in Deutschland. Die größten Gemeinschaften befinden sich in Bayern (München), Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, da viele Bosnier inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

Warum sind so viele Bosnier nach München gegangen?

Zwei Hauptgründe: Erstens die Gastarbeiter-Anwerbung der 1960er und 1970er Jahre, als die westdeutsche Industrie (BMW, MAN, Siemens) Arbeitskräfte aus Jugoslawien anzog. Zweitens der Bosnienkrieg 1992–1995, der Hunderttausende zur Flucht zwang — viele von ihnen folgten bestehenden Netzwerken nach Bayern.

Warum hat Wien so viele bosnische Einwohner?

Wien war durch die habsburgische Geschichte (Österreich-Ungarn verwaltete Bosnien von 1878 bis 1918) schon lange vor dem Krieg ein natürlicher Anlaufpunkt für Bosnier. Die geographische Nähe (ca. 500 km von Sarajevo) und die historischen Verbindungen machten Wien zur naheliegenden ersten Adresse für Migranten und Flüchtlinge.

Wo kann ich in München authentische bosnische Küche finden?

Meide die touristischen Balkan-Grill-Ketten am Hauptbahnhof. Authentische Adressen findest du in Milbertshofen und Giesing — oft kleine Läden ohne große Außenwerbung. Bosnische Bäckereien mit frischem Burek sind am Sonntagmorgen vor 10 Uhr am besten besucht.

Was ist der Srebrenica-Gedenktag und wird er in Wien/München begangen?

Am 11. Juli 1995 fand das Massaker von Srebrenica statt, bei dem mehr als 8.000 bosnische Muslime ermordet wurden — das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Dieser Tag wird von der bosnischen Diaspora in Wien und München mit Gedenkveranstaltungen begangen, die öffentlich zugänglich sind und würdevoll organisiert werden.

Kann ich über die Diaspora einen besseren Zugang zu Bosnien bekommen?

Absolut. Die bosnische Diaspora in Wien und München ist ein lebendiges Netzwerk mit tiefen Verbindungen in die Heimat. Bosnische Kulturveranstaltungen, Filmvorführungen und Restaurantbesuche in diesen Städten können eine wertvolle Vorbereitung auf eine Bosnien-Reise sein — und manchmal entstehen daraus persönliche Kontakte, die die Reise selbst bereichern.

Mein Fazit nach 26 Reisen nach BiH und 25 Jahren in München: Die bosnische Diaspora ist kein Anhängsel Bosniens — sie ist ein lebendiger Teil davon. Wenn ich in Milbertshofen bosnischen Kaffee trinke und Sevdah höre, bin ich nicht weniger in Bosnien als wenn ich in der Baščaršija sitze. Die Grenze zwischen dem Land und seiner Diaspora ist durchlässiger, als Außenstehende denken. Wer Bosnien wirklich verstehen will, sollte nicht nur nach Sarajevo fliegen — sondern auch die Augen in der eigenen Stadt aufmachen. Die Spuren sind da. Man muss nur hinschauen.

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