Bosnien für Wiedereinsteiger: 10 Jahre Wandel
Was sich seit meiner ersten Reise 2009 wirklich verändert hat — und was geblieben ist
Autor: Klaus Hoffmann
Warum Bosnien-Wiederkehrer heute anders planen müssen
Meine erste Reise nach Bosnien und Herzegowina liegt inzwischen 16 Jahre zurück. 2009 fuhr ich mit einem alten Peugeot von Wien über Ljubljana und Zagreb nach Sarajevo — keine Buchungsplattformen, kein Google Maps offline, kein Airbnb. Ein Reiseführer aus 2006, ein paar ausgedruckte Karten, und das Vertrauen darauf, dass sich schon etwas finden würde. Es fand sich immer etwas.
Seitdem war ich viermal zurück, zuletzt im Frühjahr 2025. Und ich kann sagen: Bosnien hat sich verändert — aber nicht so, wie viele fürchten. Es ist kein zweites Dubrovnik geworden. Aber es ist auch nicht mehr das Land, das ich 2009 mit wackligen Pensionsbetten und handgeschriebenen Speisekarten kannte.
Dieser Artikel richtet sich an alle, die Bosnien schon einmal bereist haben — vor fünf, zehn oder fünfzehn Jahren — und jetzt überlegen, ob und wie sie zurückkehren sollen. Meine Antwort: Ja, unbedingt. Aber mit aktualisierten Erwartungen.
Sarajevo 2025: Die Stadt hat sich neu erfunden
2009 war Sarajevo eine Stadt, die noch sichtbar mit ihrer Vergangenheit rang. Die Einschusslöcher in den Fassaden waren frischer, der Tunnel der Hoffnung ein noch roher Gedenkort, und die Baščaršija wirkte wie ein Ort, der sich selbst gerade erst wieder entdeckte. Heute ist die Altstadt polierter — und gleichzeitig lebendiger.
Die Trebević-Seilbahn ist das offensichtlichste Symbol dieses Wandels. 2018 wiedereröffnet, verbindet sie die Stadt mit dem Berg, auf dem 1984 die Olympischen Winterspiele stattfanden. Damals, als ich das erste Mal auf den Trebević stieg, musste ich zu Fuß hoch — ein steiler, schweißtreibender Aufstieg, der sich aber lohnte. Heute fahren Familien mit Kinderwagen hinauf. Die verlassene Bobbahn, mit Streetart überzogen, ist inzwischen ein Pflichtprogramm für jeden Sarajevo-Besucher geworden. Das ist gut so — sie ist wirklich beeindruckend.
Was mich 2023, als ich drei Monate als Remote Worker in Sarajevo lebte, am meisten überraschte: die Kaffeehauskultur ist nicht verschwunden, sie ist gewachsen. Neue Röstereien, Specialty-Coffee-Bars neben den alten Kupfer-Džezva-Läden. Im Stadtteil Bjelave, das ich damals noch kaum kannte, haben sich junge Kreative niedergelassen. Es gibt Co-Working-Spaces, vegane Restaurants, Craft-Beer-Bars. Und trotzdem: Wer morgens früh in die Baščaršija geht und sich einen bosnischen Kaffee bestellt, erlebt noch immer dasselbe Ritual wie vor zwanzig Jahren.
„Der Würfelzucker kommt zuerst in den Mund — dann schlürft man den Kaffee. Nicht umgekehrt. Das erklärt dir kein Reiseführer, das zeigt dir ein Einheimischer."
Was in Sarajevo neu und sehenswert ist
- Trebević-Seilbahn + Bobbahn (2018 wiedereröffnet) — Pflicht für Wiederkehrer
- War Childhood Museum — 2017 eröffnet, international preisgekrönt, emotionaler als erwartet
- Galerija 11/07/95 — Srebrenica-Gedenkstätte in der Innenstadt, die ich jedem empfehle, der die Geschichte verstehen will
- Festina Lente Brücke (2012) — die geschwungene Fußgängerbrücke über die Miljacka, heute Wahrzeichen der neuen Stadtästhetik
- Avaz Twist Tower — mit 142 m das höchste Gebäude des Balkans, Aussichtsterrasse lohnt sich
Mostar: Zwischen Welterbe und Overtourism
Hier muss ich ehrlich sein, auch wenn es wehtut: Mostar hat ein Overtourism-Problem. Zumindest im Hochsommer, zumindest zwischen 10 und 17 Uhr. Wer den Stari Most — die 1566 erbaute osmanische Bogenbrücke, 24 Meter über der Neretva — in Ruhe erleben will, muss früh aufstehen. Sehr früh.
Als ich im Juni 2019 um 7:30 Uhr auf der Brücke stand, war ich fast allein. Zwei Einheimische joggten vorbei, ein alter Mann öffnete seinen Laden. Um 10 Uhr war dieselbe Brücke ein Gedränge aus Reisebussen, Selfie-Sticks und überfüllten Restaurants. Das hat sich bis 2025 nicht verbessert — eher verschlechtert.
Trotzdem: Mostar bleibt unverzichtbar. Die Koski Mehmed Pascha Moschee mit ihrem begehbaren Minarett bietet die beste Aussicht auf den Stari Most — und ist weniger überlaufen als die Brücke selbst. Das Muslibegović Haus zeigt osmanisches Wohnleben so authentisch wie kaum ein Museum. Und wer abends im Restoran Labirint oberhalb der Neretva sitzt und auf die beleuchtete Altstadt schaut, versteht, warum diese Stadt trotz allem magisch bleibt.
Neu seit meiner ersten Mostar-Reise: Der Skywalk Fortica mit Glasplattform und einer 570 Meter langen Zipline über die Neretva. Nichts für schwache Nerven, aber spektakulär. Und der Sniper Tower — das zerstörte Bankenhochhaus — ist inzwischen zur inoffiziellen Streetart-Galerie geworden. Ich rate zur Vorsicht beim Betreten, aber als Fotomotiv von außen ist er unübertroffen.
Praktische Infos Mostar (Stand 2025)
| Thema | Info |
|---|---|
| Beste Reisezeit | Mai–Juni oder September–Oktober |
| Stari Most früh morgens | Vor 9 Uhr — fast menschenleer |
| Koski Mehmed Moschee Eintritt | ca. 5 € (vor Reise prüfen) |
| Tagesausflüge | Blagaj (14 km), Počitelj (30 km), Kravica (40 min) |
| Übernachtung Mittelklasse | ca. 50–75 € pro Nacht |
Die Infrastruktur: Echte Fortschritte, echte Lücken
2009 war die Straße von Sarajevo nach Mostar ein Abenteuer. Enge Serpentinen, schlechter Belag, kaum Beschilderung. Heute gibt es eine gut ausgebaute Schnellstraße, die die beiden Städte in etwa 2,5 Stunden verbindet. Das ist ein echter Fortschritt — und hat gleichzeitig den Tagesausflugstourismus nach Mostar explodieren lassen.
Im Norden, rund um den Una-Nationalpark, sieht es anders aus. Die Straßen nach Kulen Vakuf und Martin Brod sind noch immer das, was ich als „bosnisch-abenteuerlich" bezeichnen würde. Schlaglöcher, fehlende Leitplanken, Schafe auf der Fahrbahn. Ich liebe das — aber wer ein Mietwauto mit Vollkasko-Ausschluss hat, sollte das einkalkulieren.
Das Mobilfunknetz hat sich massiv verbessert. 2009 war ich froh, wenn ich in Sarajevo Empfang hatte. Heute funktioniert 4G in den meisten Städten und entlang der Hauptstraßen zuverlässig. Wichtig zu wissen: EU-Roaming gilt in Bosnien nicht — das Land ist kein EU-Mitglied. Eine lokale SIM-Karte von BH Telecom (Tourist-Tarif: ca. 20 KM für 15 GB / 30 Tage) ist die deutlich günstigere Lösung.
Kartenzahlung: In Sarajevo und Mostar mittlerweile weitgehend möglich. Auf dem Land — Una-NP, Sutjeska, Blidinje — bleibt Bargeld König. Konvertibilna Marka (BAM/KM) ist fest an den Euro gekoppelt (1 € = 1,95583 KM), was das Rechnen einfach macht.
Was sich nicht verändert hat — zum Glück
Es gibt Dinge in Bosnien, die sich in zehn Jahren nicht verändert haben. Und ich meine das als Kompliment.
Die Gastfreundschaft ist noch immer überwältigend. Als ich 2025 in einem kleinen Dorf im Una-Nationalpark nach dem Weg fragte, endete das Gespräch mit einer Einladung zum Kaffee, einem Teller Käse und einer 45-minütigen Unterhaltung über Fußball, Europa und die Frage, warum so wenige Deutsche nach Bosnien kommen. Man lehnt diese Einladungen nicht ab. Das wäre unhöflich — und außerdem wäre es schade.
Die Preise sind gestiegen, aber Bosnien bleibt deutlich günstiger als Österreich oder Deutschland. Ein Hauptgericht im Restaurant kostet zwischen 5 und 12 Euro, ein lokales Bier 1,50 bis 3 Euro, ein Cappuccino selten mehr als 2,50 Euro. Für ein Mittelklasse-Hotel zahlt man 35 bis 75 Euro pro Nacht. Wer 2015 zuletzt hier war, wird feststellen, dass die Preise angezogen haben — aber der Abstand zu Westeuropa ist noch immer erheblich.
Die Küche ist unverändert großartig. Ćevapi mit Lepinja und Kajmak, Burek (mit Fleisch — alles andere hat einen anderen Namen), Bosanski Lonac als langsam gegarter Eintopf, Tufahije als Dessert. Und der Wein aus der Herzegowina: die autochthone Žilavka (weiß, mineralisch) und Blatina (rot, kräftig) sind noch immer unterschätzte Entdeckungen für Weinliebhaber.
Neue Reiseziele, die 2009 kaum jemand kannte
Einige Orte, die heute auf keiner Bosnien-Reise fehlen sollten, waren vor zehn Jahren kaum im Bewusstsein der meisten Reisenden.
Trebinje ist das beste Beispiel. Die südlichste Stadt Bosniens, nur 30 Kilometer von Dubrovnik entfernt, hat mediterranes Flair ohne Dubrovniks Massentourismus. Das Tvrdoš-Kloster mit seinem eigenen Weingut, die Altstadt mit weiten Plätzen und engen Gassen, die orthodoxe Kirche Hercegovačka Gračanica auf dem Hügel — das alles war 2009 für die meisten Westeuropäer terra incognita. Heute empfehle ich Trebinje als Pflicht-Stopp auf jeder Herzegowina-Route.
Stolac ist ein weiterer Geheimtipp — obwohl ich das Wort eigentlich nicht mag, weil er impliziert, dass man etwas für sich behalten soll. Stolac im Bregava-Tal hat prähistorische Wurzeln, osmanische Bausubstanz, die Stećci-Nekropole Radimlja (seit 2016 UNESCO-Welterbe) und das beste Preis-Leistungs-Verhältnis für Übernachtungen in ganz Herzegowina. Das Restaurant Old Mill (Stari Mlin) in einer alten Wassermühle am Bregava-Fluss ist ein Erlebnis für sich.
Der Una-Nationalpark im Nordwesten war 2009 selbst bei bosnischen Reisenden kaum bekannt. Heute gilt er zurecht als eine der schönsten Naturregionen des Balkans. Der Štrbački Buk — eine 24,5 Meter hohe Doppelkaskade an der kroatischen Grenze — ist genauso beeindruckend wie die Plitvice-Seen, aber mit einem Bruchteil der Besucher. Rafting auf der Una gehört zu den besten Wildwassererlebnissen Südosteuropas.
Was Wiedereinsteiger unbedingt wissen müssen
Ein paar praktische Punkte, die sich seit 2009 verändert haben oder die ich damals nicht wusste:
- Minen: Bosnien hat noch immer verseuchte Gebiete — schätzungsweise über 1.000 Quadratkilometer, vor allem in ländlichen Regionen, rund um Sutjeska und in der Romanija. Wege niemals verlassen. Die BHMAC (Bosnia and Herzegovina Mine Action Centre) bietet aktuelle Karten. Das ist kein Scherz und kein Überbleibsel aus Reiseführern der 1990er.
- Kein EU-Roaming: Lokale SIM kaufen, das spart erheblich.
- Zwei Entitäten, eine Reise: Bosnien besteht aus der Föderation BiH und der Republika Srpska. Praktisch spürt man das kaum — aber die Beschilderung wechselt zwischen lateinischer und kyrillischer Schrift, und manche Infrastruktur ist getrennt organisiert. Kein Grund zur Verwirrung, aber gut zu wissen.
- Buchungsplattformen: Booking.com und Airbnb funktionieren inzwischen gut in Sarajevo und Mostar. Auf dem Land lohnt sich direkter Kontakt mit Pensionen — oft günstiger und persönlicher.
- Winterreifen: Wer zwischen 1. November und 1. April mit dem Auto unterwegs ist, braucht Winterreifen — gesetzlich vorgeschrieben, und in den Bergen auch bitter nötig.
Mein Fazit nach fünf Reisen und 16 Jahren
Bosnien ist nicht das Land, das ich 2009 entdeckt habe. Es ist besser organisiert, touristisch zugänglicher, infrastrukturell moderner. Und es hat dabei etwas bewahrt, das viele Länder im Zuge der Touristifizierung verloren haben: Authentizität. Nicht die Instagram-Authentizität, die man in Mostar-Souvenirläden kaufen kann. Sondern die echte — die entsteht, wenn man früh morgens in der Baščaršija sitzt, wenn man in Stolac mit dem Wirt über die Geschichte des Hauses spricht, wenn man im Una-Nationalpark keinem einzigen anderen Touristen begegnet.
Wer Bosnien vor zehn Jahren besucht hat und zurückkommt, wird vieles wiedererkennen. Und einiges entdecken, das es damals noch nicht gab. Beides lohnt sich.
Klaus Hoffmann ist Reisejournalist und Autor von „Balkan Roadtrip" (Malik Verlag, 2021). Er lebt in Wien und bereist Bosnien und Herzegowina seit 2009. Zuletzt war er im Frühjahr 2025 vor Ort.