BiH mit dem Mietwagen: drei klassische Routen

Sarajevo, Herzegowina, Norden — welche Achse zu dir passt

Autor: Mirjana Kovačević

Warum BiH ohne Mietwagen nur halb so gut funktioniert

Ich sage das ohne Umschweife: Wer Bosnien-Herzegowina wirklich verstehen will, braucht ein Auto. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil die interessantesten Orte — Blagaj, Počitelj, die Blidinje-Hochebene, der Una-Nationalpark — entweder gar nicht oder nur mit abenteuerlichem Zeitaufwand per Bus erreichbar sind. In meinen inzwischen 26 Reisen ins Land habe ich beides ausprobiert. Mit Bus und Bahn kommt man in die Städte. Aber das Land selbst, das zwischen den Städten liegt, erschließt sich erst hinter dem Steuer.

Die gute Nachricht: Die Straßen in BiH sind deutlich besser als ihr Ruf. Die Magistralstraßen M-17 entlang der Neretva und die Autobahn A1 von Sarajevo Richtung Mostar sind tadellos asphaltiert. Mietwagen gibt es an allen vier Flughäfen — Sarajevo (SJJ), Tuzla (TZL), Banja Luka (BNX) und dem Sommer-Flughafen Mostar (OMO). Wer aus Deutschland fliegt, landet in der Regel in Sarajevo oder Tuzla.

Drei Routen haben sich für mich über die Jahre als die verlässlichsten Grundgerüste erwiesen. Sie lassen sich kombinieren, kürzen oder erweitern — je nachdem, wie viel Zeit du mitbringst.

Route 1: Die Herzegowina-Achse — Sarajevo bis Neum

Das ist die klassischste aller BiH-Routen, und sie ist klassisch aus gutem Grund. Sarajevo im Norden, Mostar in der Mitte, Neum oder Trebinje im Süden — auf rund 230 Kilometern passiert mehr Geschichte, mehr Landschaft und mehr Kulinarik als auf manchem Wochentrip durch Westeuropa.

Sarajevo — zwei bis drei Tage Minimum

Die Hauptstadt braucht Zeit. Nicht wegen der Sehenswürdigkeiten allein, sondern wegen des Rhythmus. Sarajevo ist eine Stadt, die man morgens beim Kaffee kennenlernt, mittags beim Flanieren durch die Baščaršija und abends beim Gespräch in einer der kleinen Bars im Stadtteil Bjelave. Die Gazi-Husrev-Beg-Moschee, die Vijećnica und die Lateinerbrücke stehen auf jeder Liste — aber die Trebević-Seilbahn, die zur verlassenen Olympia-Bobbahn von 1984 führt, ist das, was mich jedes Mal wieder überrascht. Streetart zwischen Betonkurven, Sarajevo in der Tiefe, totale Stille. Das kostet kaum etwas und ist in keinem deutschen Reiseführer angemessen beschrieben.

Praktischer Hinweis: Parken im Stadtzentrum ist mühsam. Wer in Sarajevo ankommt, stellt das Auto am besten beim Hotel ab und bewegt sich zu Fuß oder mit der Tram. Die Linie 3 umrundet das Zentrum zuverlässig.

Blagaj und Počitelj — zwei Pflicht-Stopps auf dem Weg nach Mostar

Wer von Sarajevo nach Mostar fährt, sollte einen Umweg über Blagaj einplanen — 14 Kilometer südöstlich von Mostar liegt das Derwischkloster Tekija direkt an der Buna-Quelle, einer der stärksten Karstquellen Europas mit durchschnittlich 43 Kubikmetern pro Sekunde. Das Wasser ist auch im Juli nur 11 Grad kalt. Das Kloster stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert und gehört dem Mevlevi-Sufi-Orden. Eintritt ca. 5 KM (Stand 2026, vor Reise prüfen).

Mein Rat: Blagaj früh morgens oder nach 17 Uhr besuchen. Tagsüber fahren die Reisebusse aus Mostar im Halbstundentakt vor. Abends ist das Kloster fast leer, das Licht auf dem Fels über der Quelle warm und das Restaurant Vrelo direkt am Wasser hat frische Forellen.

Počitelj liegt 30 Kilometer südlich Mostars an der Magistralstraße M-17. Das mittelalterliche Festungsdorf klebt an einem Felsrücken über der Neretva — Hadži-Alija-Moschee, Sahat-Kula, Hamam, alles noch da und größtenteils begehbar. Früh morgens (vor 9 Uhr) ist der Parkplatz unten an der M-17 leer und das Licht perfekt.

Mostar — Brücke, Basar, Brückenspringer

Über den Stari Most ist viel geschrieben worden. Die 1566 von Mimar Hayruddin erbaute Bogenbrücke wurde 1993 zerstört und 2004 als UNESCO-Welterbe wiedereröffnet. Sie ist 24 Meter hoch über der Neretva. Was in keinem Reiseführer steht: Die beste Sicht auf die Brücke hat man nicht von der Brücke selbst, sondern vom Minarett der Koski-Mehmed-Pascha-Moschee (1617) — rund 120 Stufen, aber oben ist der Blick auf Brücke und Altstadt ungeschlagen. Eintritt ca. 8 KM (vor Reise prüfen).

Mostar ist tagsüber im Sommer überfüllt. Wer die Stadt in ihrer eigenen Stimmung erleben will, kommt früh morgens oder bleibt über Nacht. Das Restoran Labirint oberhalb der Neretva hat abends eine Terrasse mit Blick auf die beleuchtete Altstadt — das ist das Mostar, das bleibt.

Weiter nach Trebinje oder Neum

Von Mostar aus gibt es zwei Optionen: Neum an der Küste (rund 90 Kilometer südwestlich) für Badeurlaub und Ausflüge nach Dubrovnik — oder Trebinje (rund 90 Kilometer südöstlich) für mediteranes Kleinstadtflair, Weingüter und das Tvrdoš-Kloster. Trebinje ist meine persönliche Empfehlung. Die Stadt ist ruhig, schön und hat mit dem Weingut Vukoje und dem orthodoxen Klosterweingut Tvrdoš zwei der interessantesten Weingüter der Region. Die autochthone Sorte Žilavka (weiß) und die kräftige Blatina (rot) sind es wert.

Praktische Daten Route 1: Gesamtstrecke Sarajevo–Mostar–Trebinje ca. 230 km. Empfohlene Dauer: 5–7 Tage. Beste Reisezeit: Mai–Juni und September–Oktober. Im Juli/August Mostar sehr voll. Mietwagen-Rückgabe in Mostar oder Trebinje möglich (Einweg-Gebühr beachten). Tankstellen entlang der M-17 gut verteilt. Promillegrenze BiH: 0,3‰.

Route 2: Die Zentral-Schleife — Sarajevo, Konjic, Jajce, Travnik

Diese Route ist weniger bekannt als die Herzegowina-Achse, aber für mich persönlich die reichhaltigste. Sie führt durch das geografische Herz von BiH — durch Flusstäler, über Hochebenen, vorbei an mittelalterlichen Königsstädten und osmanischen Wesirenstädten.

Konjic und das Bašćica-Tal

Konjic liegt 60 Kilometer südwestlich von Sarajevo an der Neretva und ist vor allem als Rafting-Basis bekannt. Aber das Bašćica-Tal südlich der Stadt ist ein Geheimtipp, der diesen Namen noch verdient: Ein klarer Fluss, wenige Touristen, und das Restaurant Bašćica mit frischen Forellen und Peka-Gerichten — Fleisch und Gemüse unter der Ascheglocke gegart, am besten einen Tag vorher bestellen.

Jablanica und der Naturpark Blidinje

Weiter westlich liegt Jablanica, bekannt für den Zweiten Weltkrieg (Tito-Museum, Sprengung der Brücke 1943) und als Abzweigung in den Naturpark Blidinje. Der 1995 gegründete Park auf 365 Quadratkilometern ist ein Hochland-Paradies: Bergsee auf 1.183 Metern, das Čvrsnica-Massiv mit zehn Gipfeln über 2.000 Metern, die endemische Munika-Kiefer mit ihrer weißen Borke, und die Nekropole Dugo Polje mit rund 150 mittelalterlichen Stećci-Grabsteinen auf 1.200 Metern Höhe. Das Restaurant Hajducke Vrleti am See kocht Huhn mit Gorgonzola und Gnocchi — ungewöhnlich für eine Berghütte, aber gut.

Wichtig: Von 1. November bis 1. April gilt Winterreifenpflicht, Schneeketten müssen mitgeführt werden. Im Sommer ist der Blidinje-Pass problemlos mit normalem PKW befahrbar.

Jajce — der Wasserfall mitten in der Stadt

Jajce ist eine der wenigen Städte der Welt, in der ein Wasserfall buchstäblich im Stadtzentrum liegt. Der Pliva-Wasserfall stürzt 20 bis 22 Meter in die Tiefe, direkt an der Stelle, wo der Fluss Pliva in die Vrbas mündet. Dahinter: eine mittelalterliche Königsfestung aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, Katakomben mit einer unterirdischen Kirche aus dem 15. Jahrhundert, und die hölzernen Wassermühlen Mlinčići aus dem Jahr 1562 an den Pliva-Seen nördlich der Stadt. Jajce war die letzte Hauptstadt des bosnischen Königreichs — hier wurde König Stjepan Tomašević 1463 hingerichtet.

Travnik — die Wesirenstadt und Ivo Andrić

Travnik ist der literarische Höhepunkt dieser Route. Hier wurde Ivo Andrić 1892 geboren, hier spielen Teile seiner Chronik von Travnik. Das Geburtshaus ist heute Museum. Die Bunte Moschee (Šarena Džamija, 1815) mit ihrer bemalten Außenfassade ist das Schönste, was ich je an einem osmanischen Sakralbau in BiH gesehen habe. Die Blaue Quelle (Plava Voda) direkt hinter der Moschee — eine türkisblaue Karstquelle mit Restaurants am Wasser — ist der ideale Mittagsstopp.

Praktische Daten Route 2: Gesamtstrecke als Schleife ab/bis Sarajevo ca. 350–400 km. Empfohlene Dauer: 5–7 Tage. Blidinje-Abstecher verlängert um 1 Tag. Keine Vignette nötig, Autobahn-Maut an Pay-Stationen. Bargeld mitnehmen — ländliche Regionen bevorzugen Barzahlung.

Route 3: Die Nordwest-Achse — Sarajevo bis Una-Nationalpark

Diese Route ist die längste und die wildeste. Sie führt aus dem dicht besiedelten Zentralbosnien in den dünn besiedelten Nordwesten — in eine Landschaft, die mich jedes Mal an Kroatiens Plitvice erinnert, nur ohne die Massen.

Vom Rama-See nach Livno

Wer von Sarajevo Richtung Nordwesten fährt, passiert den Rama-Stausee — 15 Quadratkilometer, 95 Meter tief, mit dem Franziskanerkloster Rama-Šćit auf einer Halbinsel. Der See ist im Hochsommer voll, im Mai und September nahezu leer. Die Konoba Gaj auf der Halbinsel Šćit (400 Meter vom Kloster) kocht solide lokale Küche.

Livno, rund 50 Kilometer weiter westlich, ist bekannt für zwei Dinge: die Käserei Mjekara Livno (140 Jahre Tradition, Mo–Fr 8–16 Uhr, Sa 8–15 Uhr — Livanjski Sir kaufen, unbedingt) und die Wildpferde auf dem Kruzi-Plateau. Rund 400 frei lebende Pferde grasen dort — im Frühjahr, wenn die Wiesen grün sind, ist die Sichtung am zuverlässigsten.

Bihać und der Una-Nationalpark

Der Una-Nationalpark (gegründet 2008, 19.800 Hektar) ist mein persönlicher Favorit unter allen Schutzgebieten BiHs. Der Fluss Una ist auf weiten Strecken türkisgrün, die Wasserfälle Štrbački Buk (24,5 Meter, Doppelkaskade, direkt an der kroatischen Grenze) und Milančev Buk in Martin Brod (54 Meter) sind spektakulär — und man steht meistens fast allein davor.

Die Stadt Bihać ist das Tor zum Park. Hier gibt es Supermärkte, Geldautomaten und Mietwagenrückgabe. Im Park selbst gibt es kaum Infrastruktur — Bargeld und volle Tanks sind Pflicht. Das Una Aqua Camp in Bihać kostet rund 15 Euro pro Nacht und ist eine solide Basis.

Rafting auf der Una (Klasse III–IV je nach Wasserstand) ist das Hauptabenteuer dieser Route. Anbieter gibt es in Bihać und Kulen Vakuf. Wer lieber ruhig paddelt, kann auf dem oberen Abschnitt des Flusses auch Kajak fahren.

Ein ehrlicher Hinweis zur Sicherheit: BiH hat noch verseuchte Minengebiete. Wege in abgelegenen Regionen — auch im Una-NP-Umfeld — niemals verlassen. Die BHMAC-Karten (Bosnian Mine Action Centre) sind online konsultierbar und sollten vor Wandertouren abseits markierter Pfade geprüft werden.

Praktische Daten Route 3: Gesamtstrecke Sarajevo–Livno–Bihać ca. 320 km (eine Richtung). Als Schleife über Banja Luka zurück nach Sarajevo ca. 600 km. Empfohlene Dauer: 6–8 Tage. Tuzla-Flughafen (TZL, Wizz Air) als Alternative-Einstieg für Nordroute. NP-Eintrittsgebühr an den 6 Eingangstoren (Höhe vor Reise prüfen).

Allgemeine Mietwagen-Tipps für BiH — was ich gelernt habe

Nach 26 Reisen, davon viele mit Mietwagen, hier die Punkte, die ich gerne früher gewusst hätte:

  • Winterreifenpflicht: Vom 1. November bis 1. April sind Winterreifen und mitgeführte Schneeketten gesetzlich vorgeschrieben. Wer im Herbst oder Frühjahr reist, sollte das beim Mietwagenvertrag explizit ansprechen.
  • Promillegrenze: 0,3 Promille — das ist streng. Im Zweifel: gar nichts trinken.
  • Pflichtausrüstung: Warnweste, Verbandskasten und Warndreieck müssen im Auto sein. Seriöse Mietwagenanbieter liefern das mit — nachfragen.
  • Kein EU-Roaming: BiH ist nicht in der EU. Lokale SIM-Karte kaufen (BH Telecom Tourist-SIM: ca. 20 KM für 15 GB, 30 Tage). Ohne Netz ist Navigation in den Bergen mühsam.
  • Bargeld: In Städten funktionieren Karten gut. Auf dem Land, in Nationalparks und an kleinen Tankstellen ist Bargeld Pflicht. Wechselstuben geben bessere Kurse als Geldautomaten. Der Kurs ist fest: 1 Euro = 1,95583 KM.
  • Tempolimits: Innerorts 50, Landstraße 80, Autobahn 130 km/h. Kontrollen gibt es, besonders auf der A1.
  • Einweg-Miete: Möglich zwischen den großen Städten, aber oft mit Aufpreis. Lohnt sich auf der Herzegowina-Achse (Anreise Sarajevo, Rückgabe Mostar).

Welche Route passt zu wem? Ein ehrlicher Vergleich

Route Stärken Beste Zeit Für wen
Herzegowina-Achse (Sarajevo–Mostar–Trebinje) UNESCO-Highlights, Kulinarik, Wein, kurze Strecken Mai–Juni, Sep–Okt Erstbesucher, Kulturreisende, Weinliebhaber
Zentral-Schleife (Sarajevo–Konjic–Jajce–Travnik) Geschichte, Hochland, wenig Touristen, Literatur Juni–Sep Geschichtsinteressierte, Wiederkehrer, Naturliebhaber
Nordwest-Achse (Sarajevo–Livno–Una-NP) Wildnis, Wasserfälle, Rafting, Wildpferde Mai–Sep Aktivurlauber, Naturliebhaber, Abenteurer

Mein Fazit nach 26 Reisen und unzähligen Kilometern auf bosnischen Straßen

Es gibt kein falsches BiH. Wer zwei Wochen Zeit hat, kombiniert am besten die Herzegowina-Achse mit der Zentral-Schleife — das gibt die größte Bandbreite zwischen osmanischer Stadtkultur, mittelalterlicher Geschichte und alpiner Natur. Wer drei Wochen mitbringt, fügt den Una-Nationalpark hinzu und hat damit das vollständigste Bild des Landes.

Was mich nach all diesen Jahren immer noch überrascht: wie schnell sich die Landschaft verändert. Zwischen Sarajevo und Mostar — kaum 130 Kilometer — wechseln Talkessel, Karstgebirge und mediterrane Vegetation. Zwischen Livno und Bihać fährt man durch Hochebenen, die sich anfühlen wie Island, und landet dann an einem türkisblauen Fluss, der an Neuseeland erinnert. Das ist das eigentliche Argument für den Mietwagen: nicht die Bequemlichkeit, sondern die Möglichkeit, diese Übergänge selbst zu erleben — auf eigene Faust, im eigenen Tempo.

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